Steffen Mensching

Steffen Mensching

Schermanns Augen

23.10.2018, 20:00 Uhr

Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.


…48, 49 und 50. Rafael Schermann zählt die geknackten Läuse aus seiner Leistengegend, sein Tagespensum im „Besserungslager“ Artek. Andere Häftlinge müssen bei minus 40 Grad Bäume fällen. Aber Schermann, Kontingent-Deportierter Nummer 32947 aus Polen, ist auch nicht irgendjemand. Vor dem Krieg war er ein Star: Aus einer Handschrift kann der Alte angeblich nicht nur den Charakter eines Menschen herauslesen, sondern auch dessen Zukunft. Otto Haferkorn, einem jungen deutschen Kommunisten, der als „Volksfeind“ zu zehn Jahren verurteilt wurde, kommt die Sache spanisch vor. Wieso wird der Graphologe geschont? Als der russische Lagerleiter ihn zu verhören beginnt, soll Otto übersetzen. Schnell schält sich heraus, was Schermann vor allem kann: Geschichten zum Besten geben, Neugier wecken und Furcht einflößen. Der junge Deutsche wittert im GULag wieder eine Überlebenschance.

Anhand eines aus der Not geborenen Duos erzählt Steffen Mensching in Schermanns Augen von der Hölle, die der stalinistischen Paranoia entsprungen ist. Im mörderischen Lageralltag des Winters 1940/41 lässt Schermann Momentaufnahmen eines Europas aufblitzen, das noch Hoffnung für die Zukunft hatte.

Moderation: Thorsten Ahrend (Wallstein Verlag)

Eintritt: 7,-/4,- (VVK) | 8,-/5,- (AK)

Steffen Mensching, geboren 1958 in Berlin (Ost), studierte an der HU Berlin Kulturwissenschaft und arbeitete viele Jahre als freiberuflicher Autor, Schauspieler, Clown und Regisseur. Seit der Spielzeit 2008/09 ist er Intendant am Theater Rudolstadt. Neben Gedichtbänden, mit denen er als Autor in Erscheinung trat, veröffentlichte er auch eine Reihe von Romanen, zuletzt Jacobs Leiter (2003) und Lustigs Fluch (2005). Steffen Mensching wurde mit dem Deutschen Kleinkunstpreis und dem Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet.

© Friederieke Lüdde