L. Der Literaturbote
Heft 99/100 – Februar 2011
Ein rosa Stoffelefant, ein birkenreis, eine knoblauchpresse
Liebe Leserinnen und Leser,
fünfundzwanzig Jahre sind vergangen, seit Paulus Böhmer und Harry Oberländer die Arbeit des Hessischen Literaturbüros in einer Dachkammer des evangelischen Hauses der Begegnung im Frankfurter Gärtnerweg begonnen haben. Fünfundzwanzig Jahre – eine lange Zeit, in der unsere Einrichtung (seit 1988 im Künstlerhaus Mousonturm) sich einen festen Platz in der Frankfurter Literaturszene gesichert hat. Zum Programm des Literaturforums gehört von Anbeginn an auch diese Zeitschrift. Das Erscheinen des Heftes Nr. 100, das Sie gerade lesen, hat länger gedauert. Wir bitten Sie um Verständnis und versprechen, Sie für Ihre Geduld zu entschädigen – mit hundert weiteren Ausgaben einer Publikation, die sich auf dem schwierigen Markt für Literaturzeitschriften mit Konsequenz und Eigenwilligkeit behauptet.
Dem Jubiläum des Literaturforums ist auch diese Ausgabe der Zeitschrift gewidmet. Am 28. September 2010 hat der Schauspieler, Kabarettist und Regisseur Michael Quast im Theatersaal des Künstlerhauses von der Geschichte dieser fünfundzwanzig Jahre berichtet. Und wie nicht anders zu erwarten, war seine Festrede - verfasst von Rainer Dachselt - nicht von Ehrfurcht und Beweihräucherung, sondern von Ironie und Witz geprägt. In dieser Geschichte hat es alles schon einmal gegeben: die „rosa Stoffelefanten“ der Nobelpreisträger, das „Birkenreis“ für den literarischen Nachwuchs und, jawohl, die „Knoblauchpresse“ des Literaturboten. Es gehört alles zusammen und wird personell betreut von einem Team, dem Ricarda Junge in diesem Heft ein „Herrengedeck“ serviert - ebenso liebevoll wie ironisch.
Gänzlich unironisch und fast schon hymnisch weisen wir aber darauf hin, dass zwei der Autoren, die dem Literaturboten besonders eng verbunden sind, im vergangenen Jahr mit bedeutenden Literaturpreisen ausgezeichnet worden sind. Paulus Böhmer, der langjährige Leiter des Literaturforums, wurde der renommierte Hölty-Preis für Lyrik zuerkannt. In seiner Laudatio schreibt Jan Volker Röhnert zu Recht, dass es „nur zwei Arten gibt, sich auf Paulus Böhmer einzulassen: entweder ganz oder gar nicht“. Und Oleg Jurjew wurde mit dem Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil der Stadt Heidelberg geehrt. In seiner Dankesrede nimmt sich der Autor der „Arithmetik des Exils“ an, während seine Laudatorin Ursula Krechel in ihm einen „genuinen Sproß aus der St. Petersburger Avantgarde“ sieht, „mit ihrem grellen, verzweifelten Humor, ihren Bockssprüngen über Schreibverbote, Verhaftungen, Deportationen hinweg“.
Literatur im Exil – da darf natürlich SAID nicht fehlen, der große deutsch-iranische Schriftsteller, der mit seinem Werk immer wieder auch für eine politische Haltung steht, die dem aufrechten Gang und dem Widerstand verpflichtet ist.
Diese Zeitschrift hat sich von Anfang an bemüht, nicht nur den großen Namen sondern auch den großen Talenten ein Podium zu bieten und sie auf ihrem Weg aus der sogenannten Provinz auf die Weltbühne des Geistes zu begleiten. Stellvertretend für sie drucken wir in diesem Heft eine „Wegbeschreibung“ und Gedichte von Olaf Velte ab, sowie auch Texte von Christophe Fricker, einst Preisträger des Jungen Literaturforums und schon seit Jahren anerkannter Autor des deutschen Literaturbetriebs.
Und zun zu einem Schlüsselbegriff der letzten beiden Jahre - zur „Krise“. Wir nehmen die Aussage der Wirtschaftsweisen zur Kenntnis, dass sie vorbei ist. Mit Beatrix Langner gönnen wir Ihnen und uns einen Nachrauf - auf die nächste Krise.
Und schließlich war „L. Der Literaturbote“ schon immer ein Ort, an dem auch Beiträge von Autorinnen und Autoren willkommen waren (und sind), die nicht im Mittelpunkt des Literaturbetriebs stehen; für die das Schreiben vielleicht heute noch etwas ist, was Literatur schon immer teilweise war – Teil der Lebensstrategie von Menschen, die mehr brauchen als Brot, Beruf und Butter. Henriette Trummer aus Frankfurt und Roland Bärwinkel aus Weimar lassen uns in diesem Heft durch ihre Gedichte an ihrem Leben teilhaben.
Zum Jubiläumsfest hat die Autorin und Publizistin Hanne Kulessa dem Literaturforum drei Gedichte geschenkt. Sehen Sie, lesen Sie selbst, von wem sie sind und warum es sich lohnt, immer wieder Gedichte zu verschenken. Und lesen Sie auch, wie Barbara Höhfeld als Emissärin und Stipendiatin des Hessischen Literaturrates schreibend und auch für uns Bordeaux entdeckt, die Hauptstadt der französischen Partnerregion Aquitaine. Michel de Montaigne ist zweimal Bürgermeister von Bordeaux gewesen. Welch ein Glück für die Philosophie und Essayistik, dass die Bürger von Bordeaux ihn nicht wiedergewählt haben!
Die hessische Literatur hat im vergangenen Jahr drei ihrer eigenwilligsten und markantesten Vertreter verloren. Ilse Braatz, die Tapfere und Aufrechte, ist am 28. Oktober 2010 gestorben. Das Erscheinen ihres phantastischen Romans „Die Alte, der Hund, das Gespenst“ hat sie noch erlebt. Peter O. Chotjewitz, Autor und unermüdlicher Fürsprecher für die Belange seiner Berufskollegen, ist am 15. Dezember 2010 gestorben. Und seit dem 4. Januar 2011 fehlt uns allen Hadayatullah Hübsch mit seinen Gedichten, mit seinem Eigensinn, mit seinem aufrechten Gang. Kurz vor seinem Tod hat er ein neues Gedicht an Hanne Kulessa geschickt, es knüpft an eines ihrer Lieblingsgedichte von William Carlos Williams an.
Liebe Leserinnen und Leser, das Leben ist ein ständiges Kommen und Gehen. Die einen kommen drauf, könnte man sagen, andere gehn dabei drauf. Aber sie können auch weitergehen. Wie die Verfasser der Beiträge aus dem Jungen Literaturforum, das auch dieses hunderte Heft des Literaturboten abrundet. Begleiten wir sie lesend, und vielleicht werden wir sie nach spätestens fünfundzwanzig Jahren wiedersehen: auf der Weltbühne der Literatur.
Inhalt
Rainer Dachselt
Ricarda Junge
Jan Volker Röhnert
Oleg Jurjew
Ursula Krechel
SAID
Olaf Velte
Gert Loschütz
Henriette Trummer
Roland Bärwinkel
Barbara Höhfeld
Christophe Fricker
Beatrix Langner
Paul-Henri Campbell
Hanne Kulessa
Hadayatullah Hübsch
Junges Literaturforum Hessen-Thüringen
Moritz Gause
Alice Kerpen
Peter Neumann
Daniel Kroiß
Romina Voigt
Markus Sehl
