»Wo Anni und ich gemeinsam lebten, hat der Sturm einen langen Atem, und manchmal kommt der Regen nicht.«
Als Christina den Garten betritt, den sie gerade geerbt hat, ist er vom Spätsommer ausgeblichen, das Gras steht kniehoch, und die überreifen Zwetschgen fallen vom Baum. Hier, am Stadtrand von Nürnberg, ist sie bei ihrer Großmutter Anni aufgewachsen. Christina könnte das Haus und den Garten verkaufen. Aber stattdessen bleibt sie dort, sagt ihren Urlaub ab, ignoriert die Mails von der Arbeit und taucht noch einmal ein in das Leben von Anni, die in den 60er Jahren alleine aus Rumänien nach Westdeutschland zieht und im Quelle-Versandzentrum die Wünsche des Wirtschaftswunderlands erfüllt. Wie aber sahen Annis Wünsche aus? Und was ist mit den anderen Frauen der Familie? Die Urgroßmutter, die alleine in Rumänien geblieben ist, Christinas Mutter Helene und sie selbst – wie gut ist ihnen das Leben gelungen?
In ruhigen, eindringlichen Sätzen entwirft Nadine Schneider in Das gute Leben ein vier Generationen umfassendes Familienporträt. Sie erzählt von Müttern, die ihre Töchter verlassen und von Töchtern, die ihre Mütter verlassen haben – jede von ihnen auf der Suche nach Selbstbestimmung und ihrem Platz auf der Welt.
Moderation: Andrea Geißler
Nadine Schneider, geboren 1990 in Nürnburg, studierte Germanistik in Regensburg, Cremona und Berlin. Ihr erster Roman Drei Kilometer (2019) wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Literaturpreis der Stadt Fulda. Das gute Leben ist nach Wohin ich immer gehe (2021) ihr dritter Roman. Nadine Schneider lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Nürnberg.
Andrea Geißler, geboren 1986, studierte Islamwissenschaft und Jüdische Studien in Heidelberg und Jerusalem und Dramaturgie in Frankfurt am Main. Sie promovierte über die Einflüsse der arabischen Erzählpraxis auf eine postkoloniale Theatergeschichte des Mittelmeerraums. Derzeit arbeitet sie als freie Autorin und Kultur-Journalistin u.a. für den Hessischen Rundfunk. Sie schreibt Prosa und Hörspiele.