»Ich sage ich will eine Familie gründen. Er sagt ich weiß. Ich sage bald. Er sagt, dass ihm das klar wäre, wir ja aber gerade über was anderes gesprochen hätten.«
An ihrem 36. Geburtstag hat die namenlose Ich-Erzählerin, eine Dramatikerin, die gerade ihren ersten Roman schreibt, ihr eigenes Ende vor Augen: Sie wird alleine sterben, ohne Kinder, ohne Enkelkinder, ohne Geld, und sogar die Katze ist vor lauter Ekel weggelaufen. Schon lange wünscht sie sich ein Baby, aber die Männer an ihrer Seite? Haben alle Zeit der Welt. Können sich nicht entscheiden. Wollen sich nicht festlegen. Jahrelang hatte die Frau Geduld, aber jetzt ist Schluss: Als sie einmal mehr vor den Trümmern einer Beziehung steht, beschließt sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.
An einer Stelle schreibt Yade Yasemin Önder in ihrem neuen Roman: „Was ich weiß: Vor normalen Sätzen muss ich mich hüten“ – und sie hält Wort: Dieses Buch enthält kaum einen normalen Satz. Anti Müller ist eine sprachlich wild gewordene Abrechnung: mit dem Unverbindlichkeitwunsch einer ganzen Generation, die nicht erwachsen werden will, mit der Breitbeinigkeit von Männern und nicht zuletzt mit der glatt gebügelten Literatur der Gegenwart und ihrer Gefallsucht. Seit Jelinek hat keine Autorin mehr so radikal gewütet, und doch geht Önder mit großer Souveränität einen ganz eigenen Weg, weil ihr Erzählen trotz des Zorns geprägt ist von tiefschwarzem Humor und Selbstironie.
Moderation: Björn Jager
Yade Yasemin Önder, geboren 1985 in Wiesbaden, studierte Literatur- und Erziehungswissenschaften in Berlin, Literarisches Schreiben in Leipzig und Szenisches Schreiben in Berlin. Ihr erstes Theaterstück Kartonage wurde zu den Autorentheatertagen 2017 eingeladen. 2018 war sie Gewinnerin des open mike in der Kategories Prosa. Ihr Debütroman Wir wissen, wir könnten, und fallen synchron (2022) wurde mit dem Debütpreis der lit.COLOGNE und dem Nicolas-Born-Debütpreis ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für den Aspekte-Literaturpreis.