»Seit wann der Wind genau da ist, weiß ich nicht mehr.«
Es ist eine ambivalente und unwirkliche Landschaft, in die Iona Bartschok sich zurückzieht: das Leipziger Neuseenland, einst Tagebaugebiet, nun geflutet und renaturiert, ohne Unterlass fegt der Wind über die Ebene. Während sich die Welt draußen im Umbruch befindet, will die Konzeptkünstlerin in einer zum riesigen Atelier umfunktionierten Halle eine Installation aufbauen, ein raumfüllendes Modell namens »Die Landschaft in fünftausend Jahren«. Iona braucht Abstand, vor allem zum »Vorfall« - eines ihrer wichtigsten Kunstwerke wurde bei einer Ausstellung von einem prominenten Maler mit dem Wort »Bullshit« besprüht, ein Skandal, der sie erschüttert hat, weil ihr die eigene Machtlosigkeit bewusst wird. Doch nach einigen Tagen, die sie lediglich in Gesellschaft des virtuellen Hundes des Vermieters verbringt, drängt die Welt in die Halle: Bella, ein Straßenhund, und Nova, die Nichte des Vermieters, ziehen ein.
Mit Nach der Sonne schauen legt Martina Hefter, 2024 ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis, einen neuen Roman vor, der so flirrt und schwebt wie all ihre Bücher. Der Text ist fest in der Gegenwart und unseren Diskursen verankert, verhandelt künstlerische Souveränität und Fragen nach Macht. Und gleichzeitig wirft er durch seine Verortung in dieser wüsten, der Zeit enthobenen Landschaft, in der er spielt, auch einen Blick in eine mögliche Zukunft, in der es vielleicht mehr denn je um Zugewandtheit und neue Solidaritäten gehen muss.
Moderation: Björn Jager
Martina Hefter ist Schriftstellerin und Performancekünstlerin. Sie lebt in Leipzig, wo sie am Deutschen Literaturinstitut studierte. Ihr Roman Hey guten Morgen, wie geht es dir? wurde 2024 mit dem Deutschen Buchpreis sowie dem europäischen Prix Grand Continent ausgezeichnet. Für ihre schriftstellerische Arbeit erhielt Martina Hefter den Großen Preis des Deutschen Literaturfonds und den Wiesbadener Literaturpreis. Außerdem erschienen von ihr u.a. die Gedichtbände Es könnte auch schön werden und In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen.