»Als ich bei meiner Mutter durch die Türe komme, hängt sie mit dem Kopf über meinem alten Kindertisch, den ich ihr neben das Bett gestellt habe. Er hat die perfekte Höhe, wenn sie auf ihrem Bett sitzt.«
Marcin und seine Mutter leben zu zweit in einer kleinen Wohnung – und das funktioniert nicht besonders gut. Die Mutter ist in den Achtzigerjahren von Polen nach Deutschland geflohen, um ihr Kind in einem Land großzuziehen, das kein Überwachungsstaat ist. Doch nach dem Tod der Großmutter verliert sie den Boden unter den Füßen. Von Depressionen geplagt beginnt sie zu trinken und nimmt ihren Sohn nur noch als Feind wahr. Und während sie nebenan mit den Wänden spricht, sitzt Marcin in seinem Zimmer und spielt World of Warcraft, hört Nu-Metal oder schreibt Gedichte. Als die Mutter Jahre später schwer erkrankt und Marcin ihre Pflege übernehmen muss, nähern sich die beiden wieder an und finden Zugang zu einer Familiengeschichte, die sie untrennbar miteinander verbindet.
In seinem ersten Roman Vom Fällen eines Stammbaums beweist der Lyriker Martin Piekar, dass seine Prosa ebenso kraft- und gefühlvoll ist wie seine Gedichte. Selten hat jemand so klar und schonungslos darüber geschrieben, was Verwandtschaft bedeutet, was es bedeutet, jemanden zu pflegen, was es bedeutet, jemandem ausgeliefert zu sein – und was es bedeutet, jemanden zu lieben.
Moderation: Björn Jager
Martin Piekar, geboren 1990 in Bad Soden am Taunus, ist Schriftsteller, Lyriker und Lehrer. Er veröffentlichte drei Lyrikbände: Bastard Echo (2014), Amok PerVers (2018) und zuletzt Livestram & Leichen (2023). Bei den 47. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt wurde er mit dem Kelag-Preis und dem Publikumspreis ausgezeichnet. Für das Manuskript seines Debütromans erhielt er 2024 den Robert-Gernhardt-Preis und wurde 2025 für den Alfred Döblin-Preis nominiert. Martin Piekar lebt in Frankfurt am Main.