Nadja Küchenmeister
© Dirk Skiba

Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik

Der Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik 2025 geht an Nadja Küchenmeister

Die Schriftstellerin Nadja Küchenmeister erhält den mit 10.000 Euro dotierten Bettina-Brentano-Preis für Gegenwartslyrik. Ausgezeichnet wird sie für ihren 2025 erschienenen Gedichtband Der Große Wagen sowie ihr bisheriges Gesamtwerk. 

In der Jurybegründung heißt es: »Köln, Berlin und Lissabon, das sind die Schauplätze in Nadja Küchenmeisters Gedichtband Der Große Wagen. Es sind Städte, die auf jeder Landkarte verzeichnet sind, Orte, die jeder zu kennen glaubt – in diesem eleganten und formvollendeten Langgedicht in zehn Teilen jedoch bergen sie Geheimnisse, denen man niemals ganz auf die Spur kommt.

Die Kindheit in Berlin-Wuhletal, das Arbeitsleben in Köln und eine sinnliche, letztlich scheiternde Beziehung in Lissabon sind bewegliche Fixpunkte in einem Text von fluider Instabilität: Erinnerungen und Erfahrungen eines sprechenden Ichs überlagern sich, Gegenwart und Vergangenheit fallen für Momente zusammen, Hier und Dort schieben sich übereinander wie Mehrfachbelichtungen. Innerhalb eines Zeilensprungs kann der Tejo zum Rhein werden, das Jetzt zum Gestern. Begibt man sich in diesen Text, begibt man sich gleichsam auf eine Reise an Traumorte eines Ichs, die sich so unverrückbar in dessen Gedächtnis eingeschrieben haben wie das Sternbild des Großen Wagens am nächtlichen Himmel – Orte, die mit dem eigenen Erleben untrennbar verbunden sind und deren Erinnerungsspuren nachleuchten wie Sterne, von denen manche am Himmel noch sichtbar sind, obwohl sie schon längst nicht mehr existieren. Nadja Küchenmeisters Langgedicht wird so auch gleichzeitig ein großer Gesang über Abschied, Verlust und Trauer, über die Endlichkeit und den Schmerz, der mit dem Wissen um sie verbunden ist: „man kann die toten nicht vergessen / aber die toten vergessen uns“. 

In Reminiszenzen an Barbara Köhler und Marcel Beyer, Ingeborg Bachmann, Fernando Pessoa und nicht zuletzt Jürgen Becker, dessen Poetik Nadja Küchenmeisters Dichtung in besonderer Weise verpflichtet ist, weitet sich das lyrische Koordinatensystem des Bandes, entspinnt sich ein dichtes Gewebe im Spannungsfeld dichterischer Tradition und ganz eigener poetischer Gegenwart, zwischen Wahrnehmung und Erinnerung, Wirklichkeit und Traum. Was anhebt mit dem weltumspannenden Vers voller Euphorie „ich sehe den großen wagen und alles, was war“, schließt mit einer Sprachgeste der Demut und der Melancholie angesichts der Endlichkeit: „der wind fährt über die böschung // am bahnhof wuhletal, der wind fährt / über disteln, vogelbeeren und löwenzahn / der wind fährt über die schienen“. Nadja Küchenmeister erweist sich mit ihrem vierten Band Der Große Wagen als Dichterin, deren federleichte, zugleich majestätische sprachliche Eleganz auf eindrücklichster Könnerschaft gründet.«

 

Über die Preisträgerin:

Nadja Küchenmeister wurde 1981 in Berlin geboren. Sie studierte Germanistik und Soziologie an der TU Berlin sowie Literarisches Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Sie lehrte u.a. an der Kunsthochschule für Medien in Köln und arbeitet als freie Autorin. 2010 erschien ihr erster Lyrikband Alle Lichter im Verlag Schöffling & Co., wo im Anschluss auch die Bände Unter dem Wacholder (2014), Im Glasberg (2020) sowie nun Der Große Wagen erschienen sind. Zudem hat sie Hörspiele und Features für den SWR, den WDR, den NDR sowie Deutschlandfunk Kultur verfasst.
Zu ihren bisherigen Auszeichnungen gehören u.a. der Ulla-Hahn-Autorenpreis, der Förderpreis des Bremer Literaturpreises, der Basler Lyrikpreis sowie zahlreiche Stipendien.