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PROGRAMM

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Feb 2023

Werkseinstellungen

Mit Michael Lentz

09.02.2023 19:30 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

„Michael Lentz ist der sprachbesessene Letternaugur der Gegenwart“, schrieb Michael Braun einmal im Tagesspiegel. Was ein Letternaugur ist? Da hilft uns Novalis weiter, der in seinen Magischen Fragmenten die Gleichung aufmacht: „Der Philologe = Wahrsager aus Chiffren = Letternaugur.“

Doch es bedürfte noch einer ganzen Menge weiterer Begriffe, um dem auf die Schliche zu kommen, was Michael Lentz alles ist und was er mit der Sprache macht: Lautpoet zum Beispiel oder Lyriker, Musiker, Romanschriftsteller, Dramatiker, Professor oder Hörspielautor. Auch das sind letztlich nur Etiketten, deren Vielzahl aber darauf hindeutet, dass wir es hier mit einem Werk zu tun haben, das ungeheuer vielseitig ist. So manch eine Rezensentin hat sich bei der Lektüre von einem Lentz-Buch schon gefragt, ob der Autor wirklich derselbe ist wie der des letzten Lentz-Buchs. Ein Werk, so wandlungsreich, so ausufernd, so vielgestaltig, dass es nie und nimmer in 90 Minuten Platz findet? Wir nehmen die Herausforderung an!

Moderation: Jan Wilm

Eintritt: 5,-/8,-/12,- (pay as you wish)

Michael Lentz, 1964 in Düren geboren, lebt in Berlin. Autor, Musiker, Herausgeber. Zuletzt erschienen: Warum wir also hier sind (Theaterstück), Offene Unruh (Gedichte), die Essay- und Aufsatzsammlung Textleben, die Frankfurter Poetikvorlesungen Atmen Ordnung Abgrund, Schattenfroh. Ein Requiem (Roman) sowie Innehaben. Schattenfroh und die Bilder.

Bild: © Victor Pattyn

Christine Koschmieder

Dry

14.02.2023 19:30 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

„Scheidung Mama Papa, Umzug Leipzig, USA, Tod 1, 2 und 3, Auszug Micha“. Es ist Tag 9 in der Suchtklinik, und Christine Koschmieder erstellt ihre „Lebenslinie“, einen Graphen, der für sie bedeutende Ereignisse mit dem Alkoholkonsum zur jeweiligen Zeit verbindet. Mit Ende 40 ist ihr klar geworden, dass sie Hilfe benötigt, sie hat sich selbst eingewiesen und muss sich nun mit den Wurzeln des eigenen Alkoholismus auseinandersetzen – und sie beginnt, zu erzählen. Von den rastlosen und wilden Jahren im Leipzig nach der Wende, von der ersten Schwangerschaft, vom Leben als Alleinerziehende. Vom Kennenlernen ihres Mannes und dessen Krebstod. Und schließlich auch von der eigenen Kindheit und der Sucht im vermeintlich bürgerlichen Elternhaus.

Dry ist vieles: Angelehnt an Christine Koschmieders Biographie ist er autofiktionaler Suchtroman, Liebesroman, Trauerroman. Was er jedoch zu keinem Zeitpunkt ist: eine Leidensgeschichte. Im Gegenteil, denn Koschmieders stärkste Waffe ist ihre Selbstironie.

Moderation: Björn Jager

Eintritt: 5,-/8,-/12,- (pay as you wish)

Christine Koschmieder, wurde 1972 in Heidelberg geboren und lebt seit 1993 in Leipzig. Sie arbeitet als Autorin, Übersetzerin und Literaturagentin. Ihr Debütroman Schweinesystem (2014) war für den aspekte-Literaturpreis nominiert.

Bild: © Susanne Schleyer

Annika Büsing

Koller (Buchpremiere)

24.02.2023 19:30 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

Menschen sind „klotzige, klobige, sehr wenig anpassungsfähige Lebewesen“, findet Chris. Von ihnen ist wenig zu erwarten. Ganz anders ist Koller, den Chris eines Tages im Park trifft. Von ihm ist eine ganze Menge zu erwarten, auch wenn Chris sich oft nicht sicher ist, ob das etwas Gutes ist. Anders als Chris denkt Koller nicht lange nach, und kaum haben die beiden sich kennengelernt, sitzen sie in Kollers klapprigem Polo und fahren zusammen kreuz und quer durch die ganze Republik – nach Ludwigsburg, durch das überschwemmte Ahrtal bis zu einem Kaff an der Ostsee, wo Koller früher an einem Teich mit Koi-Karpfen saß und glücklich war, zumindest in seiner Erinnerung.

Mit Koller hat Annika Büsing eine rasante Road-Novel geschrieben, die mit derselben Unbedingtheit von Liebe und Verletzlichkeit erzählt wie ihr gefeiertes Romandebüt Nordstadt und doch ganz anders ist: Es ist ein Buch über Freundschaft, über Selbstbestimmung und über das nötige Maß an Anarchie.

Moderation: Christian Dinger

Eintritt: 5,-/8,-/12,- (pay as you wish)

Annika Büsing, geboren 1981, lebt in Bochum, wo sie an einem Gymnasium unterrichtet. Sie hat evangelische Theologie und Germanistik in Dortmund studiert und einige Zeit auf Island und in Hamburg verbracht. Für Nordstadt (2022), ihren ersten Roman, wurde sie mit dem Literaturpreis Ruhr und dem Mara Cassens Preis ausgezeichnet und war für den Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals sowie den Bayrischen Buchpreis nominiert.

Bild: © Werner Bartsch

Ankommen?

Mit Dinçer Güçyeter und Ralph Tharayil

27.02.2023 19:30 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

Wie geht das, das mit dem Ankommen – oder geht das überhaupt? So oder ähnlich könnte die Kernfrage lauten, die Dinçer Güçyeter und Ralph Tharayil in ihren Romanen verhandeln, und das ist nicht die letzte Gemeinsamkeit von Unser Deutschlandmärchen und Nimm die Alpen weg. Beide erzählen von Familien mit Einwanderungsgeschichte, von den Erfahrungen, die man macht, wenn man als „fremd“ gelesen wird – und beide sprengen, was man gemeinhin versteht unter dem Label „Roman“. Güçyeter beginnt in Anatolien, lässt Großmutter und Mutter zu Wort kommen, integriert Fotos, Lyrik, verbindet das Mythische mit dem Prosaischen, den Chor mit der Gastarbeitererfahrung. Tharayil legt einen Roman in Versform vor, dessen Zeilen von einfacher Klarheit geprägt sind und in denen ein Wir spricht, ein Geschwisterpaar. Dass wir uns in der Schweiz befinden, lässt sich nur am Velo festmachen, dass wir es mit einer migrantischen Geschichte zu tun haben, nur an der „anderen“ Sprache der Eltern, den schwarzen Haaren, der Haut, die sich von der anderer Kinder unterscheidet. Und kommen diese beiden Bücher formal auch noch so unterschiedlich daher, treffen sie sich doch wieder an einem Endpunkt: Poetischer lässt sich von Entwurzelung, Migration und Fremdheit nicht erzählen.

Moderation: Beate Tröger

Eintritt: 5,-/8,-/12,- (pay as you wish)

Dinçer Güçyeter, geboren 1979 in Nettetal, ist Lyriker, Verleger und Gabelstaplerfahrer. 2012 gründete er den ELIF Verlag, in dem 2017 sein erster Gedichtband Aus Glut geschnitzt erschien. 2022 erhielt er für den Band Mein Prinz, ich bin das Ghetto den Peter-Huchel-Preis, die renommierteste Auszeichnung für einen Lyrikband. Unser Deutschlandmärchen ist sein erster Roman.

Ralph Tharayil, 1986 als Sohn indischer Migranten in der Schweiz geboren, studierte in Basel u.a. Medien- und Literaturwissenschaft. Er hat als Werbetexter, Journalist und Performer gearbeitet und Prosa und Lyrik in Zeitschriften und Anthologien veröffentlicht. 2017 wurde er beim open mike ausgezeichnet. Nimm die Alpen weg ist sein Debütroman.

Bild Tharayil: © Malte Seidel

Bild Güçyeter: © palagrafie

Mrz 2023

Gabriele Tergit: Der erste Zug nach Berlin ***wird verschoben***

Mit Nicole Henneberg

08.03.2023 19:30 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

*** Die Veranstaltung muss leider verschoben werden! Ein Ersatztermin wird in Kürze bekannt gegeben. Bereits erworbene Tickets behalten Ihre Gültigkeit.***

Der Zweite Weltkrieg ist gerade erst vorüber, und die junge Maud besteigt im Chanel-Abendkleid einen Flieger, der sie ins kriegszerstörte Europa bringt. Von der Welt jenseits der New Yorker High Society hat sie noch nicht viel gesehen, da kommt die Gelegenheit gerade recht, vor ihrer Hochzeit eine britisch-amerikanische Militärmission nach Berlin zu begleiten. Diese hat den Auftrag, den Deutschen demokratische Prinzipien näherzubringen, aber die skurrilen Charaktere, die ihr angehören, können sich politisch auf nichts einigen und geraten ständig in Streit. Und die so glamouröse wie naive Maud muss bald feststellen, dass die Deutschen weder ein Interesse an Demokratie haben, noch daran, von ihr und den anderenAlliierten gerettet zu werden.

Gabriele Tergit ist eine Meisterin der Beobachtungsgabe und des vielstimmigen Gesellschaftsportraits, das beweist sie erneut in dieser von Nicole Henneberg erstmals nach dem originalen Typoskript herausgegebenen Neuentdeckung. Ein bitterböser Roman voller absurder Dialoge und Situationskomik, der Screwball-Komödien à la Billy Wilder in nichts nachsteht.

Moderation: Christian Dinger

Lesung: Viola Pobitschka

Eintritt: 5,-/8,-/12,- (pay as you wish)

Gabriele Tergit, (1894–1982), schrieb Romane, Feuilletons und Reportagen. Die jüdische Schriftstellerin emigrierte 1933 nach Palästina, 1938 zog sie nach London. Ihr literarisches Werk wurde erst spät in Deutschland wiederentdeckt. Heute gilt sie als bedeutende Autorin der Zwischen- und Nachkriegszeit.

Nicole Henneberg, geboren 1955, studierte Komparatistik und Philosophie in Berlin und Paris. Sie schreibt als freie Autorin und Literaturkritikerin u. a. für die FAZ und den Berliner Tagesspiegel.

Bild: © Max Liebenstein

 

Grit Krüger

Tunnel

23.03.2023 19:30 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

Mascha ist arm. Die Busfahrt zu einem Vorstellungsgespräch? Entspricht einer Mahlzeit: Butternudeln mit Salz für sie und ihre kleine Tochter Tinka. Das Vertrauen ins Amt ist längst verloren, begraben unter seitenlangen Formularen, und was sind dann schon neun Kilometer Fußweg. Doch Mascha weiß auch: So kann es nicht weitergehen. Gegen die Winterkälte eine Deckenhöhle zu bauen, damit sie und Tinka durch die Nacht kommen, wenn sie sich das Heizen nicht mehr leisten können, ist keine Lösung. Als Mascha eine Anstellung in einem Seniorenheim bekommt, ziehen die beiden kurzerhand dort ein.
So ungeschönt Grit Krüger in Tunnel beschreibt, was Armut bedeutet: Dieses Debüt ist keine mit soziologischer Nüchternheit gezeichnete Gesellschaftsskizze und auch kein nihilistisch ausstaffiertes Bild der Trostlosigkeit. Zart und poetisch, mit Würde und Empathie zeichnet sie ihre Figuren, erzählt von der aufkeimenden Liebe zwischen Mascha und Enders, von wilden Plänen im Heim. Dort lebt der alte Tomsonov und hört Geräusche in der Erde. Gemeinsam beginnen sie zu graben, tief unten im Keller, denn nur wer anpackt und die Hoffnung nicht aufgibt, wird eine neue Chance bekommen.

Moderation: Björn Jager

Eintritt: 5,-/8,-/12,- (pay as you wish)

Grit Krüger, wurde 1989 in Erfurt geboren. Sie studierte Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Frankfurt am Main sowie in Aberystwyth, Wales. Arbeit als Presseredakteurin und freie Lektorin (SWR). Auszeichnungen des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen. Open Mike (2018), Klagenfurter Literaturkurs (2019). Veröffentlichungen in Anthologien. Grit Krüger lebt in Rastatt.

Bild: © Felix Grünschloß

Carolin Callies

teilchenzoo

29.03.2023 19:30 Uhr, Hessisches Literaturforum im Mousonturm e.V.

Eine Vorliebe für kleine Dinge und die Orte, an denen man sie aufbewahrt, konnte man bei Carolin Callies schon anhand der Titel ihrer ersten beiden Gedichtbände ausmachen. Nach dem Debüt fünf sinne & nur ein besteckkasten wurde es mit schatullen & bredouillen gleich eine Nummer kleiner, während wir nun, beim dritten Gedichtband, beim Allerkleinsten angekommen sind, bei den sogenannten kleinsten Teilchen, bei der „klüngelwirtschaft unter aller materie“.

Dabei handelt es sich bei teilchenzoo dem Genre nach ironischerweise eher um ein Großprojekt, denn im scheinbaren Widerspruch zu ihren mikroskopischen Betrachtungen hat Callies sich für eine der größeren lyrischen Formen entschieden: dem Poem. Und so folgen wir in einem mäandernden, immer wieder von Fragmenten durchsetzten, aber letztlich in sich zusammenhängendem Langgedicht den Zellen und Kernen, den Schuppen und Krümeln, den Spreißeln und Flusen auf ihrem Weg durch die Natur und den menschlichen Körper und erahnen das große Ganze hinter den kleinen Dingen.

Moderation: Björn Jager

Eintritt: 5,-/8,-/12,- (pay as you wish)

Carolin Callies geboren 1980 in Mannheim, lebt in Ladenburg bei Heidelberg. Sie ist Autorin und selbstständige Literaturvermittlerin und wurde für ihre Lyrik vielfach ausgezeichnet. 2020 war sie mit schatullen & bredouillen für den Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg nominiert und erhielt den Gerlinger Lyrikpreis.

Bild: © Max Liebenstein